Straßburger Münster (3)

Der Bauch der Geschichte oder „nicht immer nur heilige Sachen machen“

Noch ein Blick auf die Wendeltreppe im Frauenhausmuseum

Kann einem schwindelig werden.  Blick auf die Wendeltreppe im Frauenhausmuseum

Aktuell ist für DER SONNTAG eine Geschichte über das Frauenhausmuseum in der Straßburger Münsterbauhütte in Arbeit und das erinnert mich an eine Begegnung vor drei Jahren, als wir die Niclas Gerhaert van Leyden (1430-1473) gewidmete Ausstellung besuchten und Bekanntschaft mit Monsieur M. machten. Hier die Aufzeichnung.

Nach den Arbeiten von Niclas Gerhaert van Leyden begeistert uns im Treppenhaus des Frauenhausmuseums die Steintreppe. Die Unterseite der Wendeltreppe ist vermutlich Harfenmaßwerk, wie es auch am Münster zu finden ist. Schöner Schwung! Auch ein scheinbar versteinertes Holz begeistert uns. Als P. ihr Staunen äußert, klinkt sich ein dicker Mann in das Gespräch (eigentlich war es ja nur ein Ausruf) ein und erklärt, was es mit dieser Treppe auf sich hat.

Blick von unten auf die Wendeltreppe im Frauenhausmuseum

Blick von unten auf die Wendeltreppe im Frauenhausmuseum

Sie sei die schönste Wendeltreppe Straßburgs, tönt er. Hier, in der ehemaligen Münsterbauhütte, waren die besten Künstler ihrer Zeit, und sie arbeiteten auch in ihrer Freizeit. Der Mann zeigt auf diverse Steinmetzzeichen, die in den Sandstein geritzt wurden. Die Zeichen mussten einfach sein, aber auch individuell verschieden, Signaturen eben. Dann erzählt er von seinen Reisen nach Rom und erläutert an Beispiel Niclas Gerhaert van Leyden wie in Europa Trends gesetzt wurden, wie er ähnliche Figuren in Rom, Wien, Prag entdeckt hat und darüber wer was gemacht und wer wen beeinflusst hat. Ein Puzzle.

Auf jeden Fall war Niclas Gerhaert van Leyden ein ganz wichtiger, überall wo er war, hätte er eine andere Welt hinterlassen. Der Mann ist mit seinem Vortrag nicht zu stoppen, dabei grimassiert er und bleckt die Zähne, während immer wieder die Augen aufleuchten. Dieser Mann ist besessen. Ist er ein Teufel? Ja, ich bin mir ganz sicher, dass er ein fleischgewordener Wasserspeier geworden ist, eine gargouille, wie die Franzosen sagen. Die Ähnlichkeit ist einfach zu frappierend. Über die Entstehung der gargouille hat er übrigens auch eine Geschichte parat. Bekanntlich klappt auch den besten Steinmetzen nicht immer alles, und wenn sich dann mal einer „verhaut“, schmeißt er den Stein nicht auf den Müll, sondern macht einen teuflischen Wasserspeier statt einer Maria oder eines Apostels. Man könne ja nicht immer nur heilige Sachen machen, meint der dicke Mann verschmitzt.

Lässiger Zeitgenosse auf der neu gestalteten Place du Château

Lässiger Zeitgenosse auf der neu gestalteten Place du Château (man beachte das Steinmetzzeichen!)

Ja, die Franzosen …

So nach und nach können wir ihn dann über Straßburgs schönste Treppe nach draußen lotsen, wo die Place du Château gerade in eine gigantische Baustelle verwandelt ist. Auch dazu weiß er natürlich was, und so erfahren wir, dass hier 32 Bäume standen, aber Straßburg insgesamt 17000 Bäume hat, von denen viele mittels Infrarot durchleuchtet werden, ob sie auch nicht von innen verfaulen. Die Bäume sind die wahren Überlebenskünstler der Städte, ist er sich sicher. Irgendwie kommt er auch noch auf Straßburg als Stadt der Konflikte zu sprechen, damit meint er die religiösen – und klar, auch zwischen Deutschland und Frankreich. Apropos, früher gab es auch Licht & Ton-Spektakel im Münster und der Text hätte sich auf Deutsch und Französisch sehr unterschieden. Auf Deutsch sprach man von Versöhnung und den neuen, friedlichen Zeiten, aber auf Französisch hörte man nur Pathos. Er runzelt die Stirn, während ich innerlich ein „Ja, die Franzosen …“ seufze. Dann verabschiedet sich der Mann, Handschlag, Visitenkarte. Bis vielleicht irgendwann einmal! Wer war denn der schwangere Mann?

Das ist Monsieur M., Fremdenführer, der so viele Geschichten weiß, dass gar nicht alle Platz haben in seinem Kopf. Die anderen liegen schwer im Bauch. Das ist der Mann, der mit Straßburgs und Europas Geschichte schwanger geht – oder sich einfach nur daran überfressen hat. (7. Juli, 2012)

http://www.oeuvre-notre-dame.org

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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