Aus der guten alten Zeit

Ein Besuch in Gertwiller beim Lebkuchenbeck

Lebkuchenhaus à la Grimm

Lebkuchenhaus à la Grimm

Eigentlich sollte der Geruch im Hof nicht verwundern, aber man stutzt dann doch beim schnuppern. Es riecht so sehr nach Weihnachten, als würde es die vielbesungene Weihnachtsbäckerei tatsächlich auch in echt geben. Und ja, es gibt sie, die Tür ist offen.

Drin steht der Chef von Pains d’Epices Lips Michel Habsiger, 63, ein leutseliger Elsässer mit Bäckersmütze, der schon seit frühester Jugend die meiste Zeit in der Backstube verbringt. Habsiger ist der Chef der Lebkuchenbäckerei Lips in Gertwiller, wo seit alter Zeit schon in Lebkuchen gemacht wird, oder wie man in Frankreich dazu sagt Pains d’epices. Wie im ganzen Elsass gab es hier in alter Zeit Honigkuchenfabriken. Der Zeichner Hansi hat sogar eine mittlerweile verschwundene Firma namens „Henri Silbereis“ auf seinen Kirmes-Bildern verewigt. Habsigers Urgroßvater war schon selbstständiger „Lebkuchenbeck“, aber der beginnende Zweite Weltkrieg schnitt ihn von den Zutaten ab. So war der Ofen aus. Habsigers Großvater arbeitete bei Lips, Michel Habsiger auch. Der alte Lips erkrankte aber schwer und so übernahm Michel Habsiger in jungen Jahren das Geschäft. Seitdem backt er wie ein Weltmeister. Pro Jahr werden 40 Tausend Mannala (so eine Art Weckmänner) gebacken, dazu kommen tausende Lebkuchen mehr in allen möglichen Varianten. Ganz süß werden sie mit Bildchen wie sie seit der Kaiserzeit im Elsass in Mode sind und gefärbtem Eischnee aus dem Spritzbeutel verziert.

Michel Habsiger hat ein Herz für Honigkuchen

Michel Habsiger und sein Sweetheart aus Honigkuchen

Da kann man sogar zuschauen, denn jeden Tag rollen zwischen fünf und zehn Busse ins Zentrum von Gertwiller. Habsiger steht dann hinter einem Tisch und knetet einen braunen Teig und erklärt wie das so ist mit Lebkuchen, was rein muss, was ein Mutterteig ist und wie lange er im Ofen gebacken wird. (Auf die Details wird hier nicht eingegangen, selber schauen!) Wenn keine „Hasen“ anwesend sind, so nennen die Elsässer die Franzosen jenseits der Vogesen, dann redet er munter auf elsässisch und das regt die Leute an sich auch in der Heimatsproch zu unterhalten. Die in der Gruppe kreisenden Dosen mit Lebkuchen und Keksen tun ein übriges, um die Leute miteinander ins Gespräch zu bringen. Probieren, probieren, probieren. Die Zimtsterne sind göttlich, aber die Leute haben Anstand und greifen doch nicht allzu oft zu.

Für großes Gelächter sorgt der Umstand, dass ich aus Deutschland komme und die Deutschen keine Foie gras (Gänseleber) essen und keinen Crémant dazu trinken. Sehr komisch, ist aber so … Von Habsiger gibt es nämlich ein Lebkuchenpaniermehl für Gänseleber, darum kommt man auf dieses Thema. Vergnügt und erheitert verlässt die Truppe dann die Backstube (eingekauft wird später) und schaut sich noch die veritable Sammlung historischer Gebrauchsgegenstände an, die Michel Habsiger in den letzten vierJahrzehnten zusammen getragen hat. Im Dachstuhl des 1578 erbauten Meyerhofs finden sich hunderte Formen für Kuchen, Kekse, Kugloff, nebst Tonkrügen für „Sürmilch“ (für Bibeleskäs), Dosen, Lampen, alten Preis- und Werbeschildern und und und. Eine ganze Stube von vor 1800 wurde eingerichtet, die weißen Nachtkleider liegen blütenweiß auf der karierten Bettdecke. Wie rein und sauber das ist, fällt den Leuten auf. Tatsächlich findet sich nirgendwo ein Staubkorn und das ist bei 12000 (!) Ausstellungsstücken ein kleines Wunder. Nochmal doppelt soviel hat der Patron irgendwo anders gebunkert. Die alte Zeit, sie lebe hoch!

PS: Wer den passenden Wein zum Lebkuchen sucht, der wird auch in Gertwiller fündig. Zwar liegen Andlau, Mittelbergheim und Heiligenstein sowie Barr auch nur ein paar Fahrminuten entfernt, aber das Dorf hat auch seine Winzer. Die Straße runter ist schon rechts ein Cousin von Habsiger. Sein Wein schmeckt auch ohne Pain d’epice und Foie gras.

Pains d’Epices Lips | 110, Rue Principale | Eintritt Museum 2,70 Euro, Gruppenpreise 2,20 Euro | http://www.paindepices-lips.com

 

 

 

 

 

 

 

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