Gelesen: „Im Restaurant“

Ein Geschichtsbuch für Gourmets und Gourmands und alle, die sich irgendwie für Gastlichkeit interessieren. Die Streifzüge des Autors beginnen vor dem 1. Weltkrieg und gehen bis in die Gegenwart. Danach ist man um einiges schlauer.

Zum verschlingen

Hätte Christoph Ribbat sein Buch anders geschrieben, wenn er kein Professor für Amerikanistik wären? Wahrscheinlich, wenn man sich mit einem Land beschäftigt wo Tempo alles ist und die Erzählkunst auf höchstem Niveau, muss das abfärben. „Im Restaurant“ ist ein gute, temporeiche Collage aus kurzen, prägnanten Texten, die gekonnt Appetit machen, verwundern, Abscheu hervorrufen oder ins Staunen versetzen.

Abb. Verlag

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Je weiter man in das Buch vordringt, desto mehr wird es zu einem Buch der Geschichten und auch der Geschichte des Auswärts essen gehen. Man verfolgt, wie eine amerikanische Soziologin in Chicago undercover recherchiert und die feinen und groben Unterschiede kennenlernt, wie ein George Orwell sich in Paris unter unwürdigen Bedingenen abrackert, wie ein Joseph Goebbels sich im besetzten Paris amüsiert, wie der junge Kriegsheimkehrer Wolfram Siebeck sich im Schwarzwald durchfuttert und später langsam auf den Geschmack der guten Küche kommt … Der geneigte Leser erfährt nicht nur Anekdoten zuhauf, sondern wird auch Fachwissen präpariert, zum Beispiel über die Entstehung des Restaurants, was Gastlichkeit ist oder wie sich die Küche industrialisiert hat. Schon vor dem 1. Weltkrieg kannte man in Berlin Automatenrestaurants und in London gab es sogar schon einen Lieferdienst für indische Küche. „Im Restaurant“ verführt zum allzu schnellen verschlingen, das ist vielleicht das einzige Manko an diesem gekonnt in Szene gesetzten Patchwork aus dem Bauch der Moderne.

Christoph Ribbat: „Im Restaurant – Eine Geschichte aus dem Bauch der Moderne“ | Suhrkamp | 229 Seiten | 19,95 Euro

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