Gelesen: Blau Weiß Rot

Der französische (Sonder-)Weg (Abb. nicht aus dem Buch)

Der französische (Sonder-)Weg, Abb. nicht aus dem Buch (Foto: Pascal Cames)

Nationalstolz und Vorurteil oder das verhextes Hexagon

Wer hätte das gedacht, dass das Elsass und Lothringen viel damit zutun haben, wie sich Frankreich als Nation definiert? Diese Information findet sich in „Blau Weiß Rot: Frankreich erzählt“. Allerdings steckt das Land in einer Krise. Was ist Frankreich? Bzw. was ist aus Frankreich geworden?  Viele französische Autoren versuchen dieses Rätsel zu lösen. Lesenswert!

Die mit dem Elsa-Oblomov-Preis ausgezeichnete freiberufliche Publizistin Olga Mannheimer schreibt zum Glück keine Romane, denn sonst hätte sie wohl nicht Zeit und Muse für Bücher wie dieses. „Blau Weiß Rot: Frankreich erzählt“ ist eine vielschichtige Sammlung unterschiedlicher Texte über „das verhexte Hexagon“ (Mannheimer), von aktuellen und historischen Autoren aus Frankreich, mit einer Ausnahme aus Quebec. Unter den Autoren befinden sich Michel Houllebecq, Catherine Millet, Cécile Wajsbrot (von allen gibt es bis dahin Unveröffentlichtes) sowie von E.M. Cioran, Samuel Becket oder auch von dem Sänger Renaud,  der gar nicht schlecht das Bobo-Phänomen erklärt. Bobo sind eine Mischung aus Bourgeoisie und Boheme, immer stylisch, natürlich Écolo und moralisch über jeden Zweifel erhaben. An anderer Stelle heißt es über diesen Menschenschlag, dass sie „die Toleranz rühmen, und zwar im intoleranten Ton es Politkommissars.“ (Kennt man das nicht auch aus Deutschland?)

In den Beiträgen werden aktuelle und zeitlose französische Phänomene beleuchtet und diskutiert. Wie wird man Franzose? Was bedeutet es Franzose zu sein? Wie lebt es sich auf dem Dorf? Wie wurden traditionell linke Arbeiter zu Front National-Wählern? Was ist eine Nation? Der Pariser Intellektuelle Alain Finkielkraut zitiert Ernest Renan, der nach der Niederlage 1871 die französische Nation definierte. „Eine große Vereinigung von Menschen gesunden Geistes und warmen Herzens, erschafft ein moralisches Bewusstsein, das man Nation nennt.“ Dies war die Antwort auf die deutsche Definition, die sich auf Blut gründet und die damals deutschsprachigen Elsässern zu Deutschen erklärten, obwohl sie doch im Herzen Franzosen waren.

Ein andere Kontroverse entzündet sich an der Einwanderung. Die eingestreuten Zitate passen hier wie die Faust aufs Auge. Coluche: „In Frankreich gibt es jedenfalls weniger Ausländer als Rassisten.“ Und der Umgang der Einwanderer mit den Franzosen und wie diese das wahrnehmen, wird auch gesagt. „Man macht sich über sie lustig, denn ist es nicht albern, in seiner Heimat jene aufzunehmen, durchzufüttern, unterzubringen, zu heilen, die einen hassen und verachten?“, schreibt Andreï Makine. Eine sehr bewegende Geschichte („Nach Bataclan – kein Hass“) wird von Antoine Leiris erzählt, der seine Frau im Bataclan verlor und jetzt alleinerziehend und der Fürsorge von anderen Kita-Müttern ausgesetzt ist.

Und es gibt auch ironische Töne über das französische Wesen und seinem Verhältnis zur Liebe und was es heißt Franzose zu sein: „Gesunder Menschenverstand: rein französische Spezialität, sowie Eleganz, Geist, Ritterlichkeit, ja Genie schlechthin.“ (Pierre Daninos) So ein gelungenes Lesebuch wünscht man sich auch über Deutschland.

Blau Weiß Rot: Frankreich erzählt | Olga Mannheimer (Herausgeber) | dtv | 352 Seiten | 16,90 Euro

Zeitlos gut gesagt: „Frankreich hat Frankreich gemacht, und das fatale Element des Bluts scheint mir zweitrangig. Frankreich ist Kind seiner Freiheit.“ (Jules Michelet)

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