Gelesen: Die Irren mit dem Messer

Scharfe Literatur

Wer gerne Bücher mit kulinarischem Inhalt liest, wird hier seine Freude haben. Verena Lugerts Tatsachen-Roman „Die Irren mit dem Messer“ veranschaulicht Angst und Schrecken der Sterne-Gastronomie und auch ihre Glücksmomente. Das sprachlich superb abgeschmeckte Buch ist ein feines Stück Literatur. Drei Sterne! 

Warum lässt man sich als „idiot, fucking idiot, bitch oder auch als „lazy bitch“ beschimpfen? Gute Frage, da muss soviel Leidenschaft dabei sein, dass die Schimpfwörter (sogar der eigene Name wird zum Schimpfwort!) wie an einer eisernen Rüstung abprallen. Die so gescholtene ist die Journalistin Verena Lugert, die ihrer Leidenschaft folgte und vom Schreibtisch in die Küche wechselte. Da war sie schon Ende 30.

Dass nichts so heiß gegessen wird, wie gekocht, stimmt ausnahmsweise mal nicht. Es geht noch heißer. Darüber hat sie „Die Irren mit dem Messer“ geschrieben, dass mehr als nur verdeutlicht, warum in der Köche normale Menschen nichts zu suchen haben. Schon ihre Lehre ist ein schier absurder Crashkurs und wirkt auf Außenstehende unmenschlich. Ihr Arbeitsplatz, ein aufstrebendes Restaurant in London, ist noch schlimmer. Hier herrscht absoluter Drill, immer Zeitnot, Perfektion und eine Heidenangst vor dem Versagen. Es ist die Hölle, aber sie will es nicht anders.

„Die Irren mit dem Messer“ blickt nicht nur ins Höllenfeuer der Hochgastronomie sondern liefert auch Wissenswertes über Küchen- und Arbeitsplatzorganisation, Küchengeschichte und wie man Schnittlauch schneidet und einen Schweinekopf zerlegt. Sehr interessant sind auch die Biografien von den Köchen, die es geschafft haben, sprich stinkereich geworden sind. Was ist der Motor dieser Menschen? Wahnsinn, produktiver Wahnsinn, wie bei Gordon Ramsay, einem „schottischen Working-Class-Hero mit dem Biss eines Kampfhundes“, dessen Bruder als Junkie verkümmert.

Wer sich für Lerntheorien interessiert, wird auch fündig werden. Die Autorin, von Haus aus Journalistin, arbeitete früher nach dem Prinzip, dass sie alle Zeit der Welt verschwenden kann und dann, wenn die Deadline in Sicht kommt, die Sache wuppt. So läuft es in einer Restaurantküche nicht ab, man arbeitet linear und priorisiert. Das und ein paar andere Dinge müssen gelernt werden. Natürlich ist der Weg dahin steinig … Wer dieses Buch liest, wird es sehr schnell lesen und danach den Hut ziehen, wenn irgendwo ein bisschen mit Ehre im Bauch und Leidenschaft im Herzen gekocht wird.

Verena Lugert: „Die Irren mit dem Messer“ | Knaur | 270 Seiten | 19,99 Euro

Klare Ansage: „Furcht erzeugt Disziplin“ (Marco Pierre White)

Abb. Verlag

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