Gelesen: Über den Tellerrand hinaus

Siebecks letzter Gang

Der in Mahlberg im Ortenaukreis wohnhafte Wolfram Siebeck (1928-2016) war unermüdlich, bis zuletzt war er rührig. „Über den Tellerrand hinaus“ ist eine Sammlung von kurzen Texten, die hier erstmals zu lesen sind. Siebeck schreibt über In-Themen wie Bio, Trink-Gläser und Grillen genauso wie über Mehlschwitze, Tafelmusik oder die antiquierte Damenkarte.

Manche der Texte sind humorig, andere launig oder altersweise oder halt wie zu erwarten fachkundig und informativ. Der Mann war ein Routinier und so lesen sich die Kleintexte manchmal allzu glatt und versiert. Warum nicht, kann man sagen, wenn einer eine halbe Ewigkeit schon übers Essen und Trinken schreibt, dann hat er jedes Thema auch schon mindestens einmal durchgekaut. So ist das nun mal.

Der Meister von seiner Frau gesehen, Copyright: Barbara Siebeck

Der Meister von seiner Frau gesehen, Copyright: Barbara Siebeck

Die Sammlung ist eine Fundgrube des Zufalls. Wer wissen will, wie man Lauch zubereitet, den Garpunkt von grüne Bohnen oder Steaks erkennt oder welches Glas für einen Chardonnay das beste ist, kommt auf seine Kosten. Siebeck nimmt sich die Freiheit andere Bücher vorzustellen, wie zum Beispiel „das dickste, schwerste und wichtigste Buch“ (gemeint ist Larousse Gastronomique), das man auch ohne Französisch lesen könnte, zumindest wenn man französische Speisekarten kapiert und 50 Vokabeln kann. Das zweite Buch – passend zur Jahreszeit – handelt von Kürbissen. Siebeck lobt „Kürbis: Köstlich & vielseitig“ von Hans Peter Fink. Manchmal dreht die Edelfeder die große Runde, manchmal sagt er’s kurz und gut. „Ich finde Schraubverschlüsse praktisch, einen Nachteil habe ich noch nicht erlebt.“ Gibt es da mehr zu sagen?

Was sehr gut gefällt ist das Vorwort von Eckart Witzigmann, der „den Prototyp des Rufers in der Wüste“ auf seine feine Art würdigt. Es ist übrigens schon der zweite Text von Witzigmann in diesem Jahr (siehe auch Franz Kellers „Vom Einfachen das Beste“) und das führt zu der Frage, warum die Kochlegende nicht ein Buch in eigener Sache schreibt? Lieber Herr Witzigmann, schreiben Sie doch mal ein Buch!

Wolfram Siebeck: Über den Tellerrand hinaus | Ludwig | 231 Seiten | 20 Euro

PS: Auf den letzten Seiten schreibt Wolfram Siebeck über das Glücklichsein. Es liest sich wie ein Vermächtnis. Zwei Beispiele: Paris im Oktober und Zeit haben, zu lesen.“ Beides ist nicht unmöglich.

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