11. November 2018

Irgendwo muss die Grenze sein

Irgendwo muss die Grenze sein

Die Zeit heilt alle Wunden

Von dieser Stelle auf dem Turm des Eckkopf (516 m) im Nirgendwo des Pfälzerwalds sind es fast 100 Kilometer Luftlinie bis nach Straßburg. Dazwischen liegt eine Grenze. Die deutsch-französische Grenze wurde im 19. Jahrhundert ein paar Mal verschoben und wanderte vom Flüsschen Queich nach Süden zur Lauter und verschwand nach 1871 für fast 50 Jahre. Das geschah willkürlich am Kartentisch und in Konferenzen. Die Bewohner hat niemand gefragt.

Vor genau 100 Jahren, am 11. November 1918, war das Schicksal des Reichslands Elsass-Lothringen besiegelt und die verschwundene Grenze war wieder da. Danach begann das Großreinemachen, sogenannten Altdeutsche mussten gehen, einige durfte bleiben (wenn sie wirtschaftlich wertvoll waren), wieder andere, die hätten bleiben dürfen, sind gegangen, nicht jeder wollte Franzose werden. Gleichzeitig kamen waschechte Franzosen aus Paris, Lyon und anderswo ins Land. Diese Leute sprachen nur Französisch. Von heute auf morgen wurde die Sprache umgestellt und aus Alemannen wurden Deutsche oder Franzosen bzw. Grenzgänger und später Feinde und nochmal später Einkäufer und Touristen. Das Elsass hat lange mit dem Wechsel gehadert, denn bekanntlich war und wurde nicht alles gut mit den Franzosen, beispielsweise kam das Frauenwahlrecht erst 25 Jahre später. Erst der Wahnsinn der deutschen Besatzungszeit zerstörte nachhaltig jeden Gedanken daran, dass Deutschsein ein Teil der Identität ist. Für die Badener war’s wohl eher toll, jetzt hatten sie ein Urlaubsland mit Riesling vor der Haustür.

Heute fast 100 Jahre später liegen die Dinge nochmals klarer, jetzt wo die gemeinsame Sprache so gut wie verschwunden ist und der Grenzgänger sich nun eindeutig deutsch (dank Hochdeutsch) oder französisch fühlt, geht zusammen kommen einfacher. Kurios. Die Standpunkte sind so klar, wie der deutsche oder französische Akzent und was auf dem Papier steht, findet sich auch endlich im Kopf wie im Herzen wieder. Die Grenze stellt schon lange niemand mehr in Frage und wird doch ganz selbstverständlich übergangen, wie eine alte Vase, die man aus irgendwelchen Gründen nicht wegschmeißen kann, aber seit Jahrzehnten nicht mehr benutzt. Auch wenn die Zollschranken gefallen sind, ist die Grenze immer noch existent. Sie ist nur humaner geworden, also näher an der Lebenswirklichkeit der Menschen. Und: Wenn man abends heim kommt, ist doch (fast) jeder wieder froh auf der richtigen Seite des Rheins zu sein, wo man sich auskennt und wo „Zuhause“ ist.

Für Wanderer, die den Übertritt noch mal anders wahrnehmen, ist es nachgerade sogar chic, wenn man die Grenze auf Wanderwegen quert. Manche Wandersleut‘ werden dabei richtig gefühlsduselig. Ah, jetzt in Frankreich? Diese feine Linie, die so viel ausmacht – Schule, Beruf, Elternzeit, Kindergeld, Studium – wird für ein sinnloses Unterfangen wie eine Wanderung oder eine Radtour unwichtig, unsichtbar, auch absurd. Die Kastanie die hier so krumm wächst, zieht vielleicht ihr Wasser aus Frankreich und die Eiche lässt Eicheln und Blätter in Deutschland fallen. Man müsste schon sehr viel Fantasie bemühen, um in den Nordvogesen das Knirschen des roten Sandsteins unter den Sohlen als „französisch“ wahrzunehmen und die Geräusche im Pfälzerwald als „deutsch“ zu charakterisieren. Da gibt es keine Unterschiede. Gehört es dann zusammen? Vielleicht wäre es gut geworden, wenn es anders gekommen wäre. Der 11. November und seine unseligen Friedensverträge wirkte ja nicht nur auf den Alltag der Elsässer, Lothringer, Badener und Pfälzer, sondern letztendlich auf alles, was danach kam. Bis zum nächsten Großen Krieg.

Nach diesem Disaster wurde es dann doch gut, um es ganz verkürzt zu sagen. Vielleicht weil das Leid und der Schmerz zu groß waren und sich der Gedanke an Rache einfach nur als sinnlose Zeitverschwendung erwies. Es wurde auch anders, weil einige alte Männer wie Adenauer, Schuman und De Gaulle ein gutes Gedächtnis hatten und wussten, dass es auch Zeiten ohne Hass gab und weil viele junge Leute mit ihrer naiven Vorstellung von Frieden, Freiheit und offenen Grenzen zur richtigen Zeit am richtigen Ort ein Gegenüber fanden.

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