11. November 2018

Irgendwo muss die Grenze sein

Irgendwo muss die Grenze sein

Die Zeit heilt alle Wunden

Von dieser Stelle auf dem Turm des Eckkopf (516 m) im Nirgendwo des Pfälzerwalds sind es fast 100 Kilometer Luftlinie bis nach Straßburg. Dazwischen liegt eine Grenze. Die deutsch-französische Grenze wurde im 19. Jahrhundert ein paar Mal verschoben und wanderte vom Flüsschen Queich nach Süden zur Lauter und verschwand nach 1871 für fast 50 Jahre. Das geschah willkürlich am Kartentisch und in Konferenzen. Die Bewohner hat niemand gefragt. Weiterlesen

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Die Elsässer Karte

Einer der Gründe die zum 1. Weltkrieg führten, war die Erbfeindschaft zwischen Deutschland und Frankreich. Der giftige Stachel im Fleisch war das ab 1870 deutsch besetzte Elsass (und Lothringen), das von beiden Großmächten beansprucht wurde. Die Elsässer waren die Dummen in diesem Spiel. Einige wählten Frankreich, und wurden verdächtigt Deutsche (Boche) oder deren Sympatisanten zu sein. Diejenigen aber, die in der Heimat blieben, wurden von Franzosen und exilierten Elsässern scheel angeschaut. Die Elsässer im Deutschen Reich galten wiederum als Wagges und heimliche Franzosen. Robert Harris‘ aktueller Roman „Intrige“ erzählt nicht nur von der Hysterie und den Auswüchsen eines wildgewordenen Geheimdienstes, sondern auch vom Verhältnis der Elsässer untereinander und des Staates gegenüber seinen Bürgern, die elsässischer Abstammung waren.

Mit doppelter Wucht (den Antisemitismus nicht zu vergessen!) trifft dieses Misstrauen den Offizier Alfred Dreyfus, gebürtig aus Mühlhausen und Jude. Der ermittelnde Geheimdienstler Marie-Georges Picquart ist ebenfalls Elsässer. Picquart betont mehrmals den kaum merklichen deutschen Akzent von Dreyfus, so als würde der etwas über dessen Französischsein aussagen. Picquart über Dreyfus: „Ich machte mir nicht viel aus ihm, zumal als ich auch noch erfuhr, dass der Rest seiner Familie sich dafür entschieden hatte, im besetzten Elsass zu bleiben, und das sein Geld aus Deutschland stammt. Blutgeld, dachte ich.“ Auch der Hacken schlagende blonde Elsässer Lauth (ebenfalls Geheimdienstler) fällt Picquart wegen seiner deutschen Eigenschaften unangenehm auf.

Besagter Picquart ist ein gebranntes Kind, der Krieg 1870 machte ihn zum Waisen, sein Straßburger Elternhaus wurde wie ein Viertel der Stadt von den Preußen kaputt gebombt. Picquart änderte seine Meinung über Dreyfus (das ist Harris‘ Story) und wird – ohne dass er ihm sympathisch wird – zum Kämpfer für dessen Unschuld. Auch hier zieht Harris die Elsässer Karte. Um Picquarts Elend in Tunesien zu verdeutlichen, wohin er strafversetzt wurde, dürfen wir Picquarts Monolog lauschen: „’Keine Kultur‘, jammerte ich. ‚Niemand, mit dem man reden kann. Kein elsässisches Essen. Mein Gott, ich verabscheue es.’“ Als der Dreyfusard (so wurden die Unterstützer genannt) einen Gleichgesinnten findet, heißt es über den damaligen Vizepräsidenten des Senats Auguste Scheurer-Kestner: „Er ist ein Elsässer, das ist immer beruhigend. Er ist reich und deshalb unabhängig. Aber vorallem ist er ein Patriot.“ Picquard als Elsässer weiß natürlich, dass man Elsässer und Franzose sein kann.

Auch kulinarisch trifft das Elsass in Erscheinung, eine neue Brasserie Alsacienne ist für die Elsässer in Paris immer Gesprächsstoff und beim Picknick dürfen Münsterkäse und Flammkueche nicht fehlen. Da hat Robert Harris falsch recherchiert, a) schmeckt Flammkuchen kalt nicht besonders und b) wurde dieses Gericht erst nach 1950 bekannt und beliebt. Aber das tut der Lektüre keinen Abbruch. Lesenswert!

Robert Harris: „Intrige“, 622 Seiten, Heyne, 22,90 Euro

Und witzig: Die Rue Général Picquart grenzt in Straßburg das Deutsche Viertel (La Neustadt) nach Osten ab. http://fr.street-viewer.eu/strasbourg/street/rue-du-general-picquart/