Postkarte aus Mulhouse

Im Elsass haben Straßen und Plätze häufig mehrere Namen, zum einen gibt es den Offiziellen und zum anderen auch noch einen, den es vielleicht in der Kaiserzeit gab und der sich zumindest unter den Einheimischen hält. Damit’s nicht ganz zu preussisch wird, sind die Namen von die Stroß im Dialekt, wie diese hier in Mulhouse, wo eigentlich keine Mundart mehr gesprochen wird. Offiziell heißt sie Rue du Saule. Aber der alte Name ist Wiedabàuim Stroß. Wurde die Stroß nun nach einem Weidenbaum (frz. Saule) benannt oder nach der Tatsache, dass hier wieder ein Baum im (!) der Straße wächst. Und was soll der Accent? Stellen wir fest: Dieser Baum ist keine Weide. Möglicherweise war hier schon mal ein Baum, vielleicht sogar eine Weide. Also könnte beides stimmen. (Foto: Pascal Cames)

Stadtmauern

Das Elsass versetzt einen doch immer wieder ins Erstaunen. Wenn wir an diese schöne Region denken, dann ans Fachwerk, den Storch, an Hansi, vielleicht auch, dass es hier nach Brot duftet und dort schon nach Mittagessen. Das Selbstverständliche wird oft vergessen. Stehen wir vor einer Stadt, dann haben wir eine Stadtmauer vor Augen mit ein paar Türmen und Toren. Dahinter liegt dann der ganze heimelige Budenzauber mit Geranien und so. Die Frage ist aber immer: Warum steht die Stadtmauer noch? Warum wurde der Turm nicht schon langst abgetragen und die Steine anderweitig benutzt? Wahrscheinlich hat schon vor über 100 Jahren jemand gesagt: Das ist schön! So wie hier in Obernai (Zentralelsass) an der Elsässer Weinstraße. (Foto: Pascal Cames)

Weingut Agapé

Gut drauf: Der Winzer Vincent Sipp aus Riquewihr

Un schluck mit: Vincent Sipp

Vincent Sipp (Jahrgang 1965) sieht man an, dass er viel zu tun hat: Arbeitspullover, Arbeitshose, Gummistiefel, aber guter Dinge und freudiger Blick. Gerade wurden im ersten Herbstnebel die letzten Trauben geerntet, dabei erzählt er, dass es in Frankreich nur zwei Dessertweine hat, nämlich Vendanges tardives und Sélection des grains nobles (Beerenauslage). In Deutschland gibt es drei: Auslese, Beerenauslese, Trockenbeerenauslese. Im Elsass würde die Zwischenstufe fehlen. Als richtiger Elsässer, d.h. von Haus aus zweisprachiger Mensch, macht er so, wie man es von seinem Stamm erwartet. Er schaut nach links und rechts und macht das Beste draus, will heißen, er hat Dessertweine in drei Varianten. Weiterlesen

Unterlinden (Colmar)

Sauber, hier wird geschafft. Restauratoren bei der Arbeit (Foto: Pascal Cames)

Wischen & kratzen

Was passiert, wenn Kunst restauriert werden muss? Sie verschwindet aus den Museen und statt eines Bildes hängt nur ein Zettel oder bestenfalls un ersatz an der Wand. Sind die Kunstwerke mehr als nur Kunstwerke, dann ist der Verlust wirklich bedauerlich. Müsste man ins Unterlinden Museum wenn der Isenheimer Altar nicht gezeigt wird? Weiterlesen

Gelesen: Burgenwandern

Imposante Erscheinung, die Fleckenstein hart an der Grenze zur Pfalz (Foto: Pascal Cames)

Hohe Ziele

Wer im Elsass wandert, kommt an den Burgen nicht vorbei. Margaret Ruthmann hat dazu einen Wanderführer zum Burgenwandern geschrieben, der nicht nur in die Wälder führt, sondern auch ins Mittelalter. Hier eine kleine Besprechung:

Das Wanderziel ist zwar naheliegend, meist aber auch schweißtreibend: Wer im Elsass wandert, hat oft eine Höhenburg zum Ziel, oder einer dieser Steinhaufen liegt auf dem Weg. Das lässt sich gar nicht vermeiden, denn links des Rheins hat es um die 400 Burgen respektive Ruinen. Kurioserweise macht sich eine Frau auf die Spur der Steine, sind es nicht in aller Regel Jungs und große Jungs, die sich für dieses Thema begeistern? Weiterlesen

Ausstellung: Christophe Hohler

Christophe Hohler signiert ein Bild (Foto: Pascal Cames)

„Ich bin immer schwarz und weiß, ich bin immer Sonnenaufgang und tiefste Nacht“, sagte mir der Sundgauer Maler Christophe Hohler in der Straßburger Galerie L’Estampe, als ich ihn fragte, wie es ihm geht. „So langsam bin ich dagegen geimpft“, meint er über seine wechselhaftes Gemüt. Schwarzweiß ist seine Malerei aber nicht, dafür „knallen“ die Farben viel zu sehr ins Auge. Weiterlesen

Must go: Streetart im Elsass

Nicht immer kommt Streetart aus der Spraydose. Hier ein Stück Kunst von Guy Denning aus England (Foto: Pascal Cames)

Wer weiß, wofür es gut ist. Dieser ziemlich abgenutzte Spruch passt wie die Faust aufs Auge auf die Festung in Neu-Breisach östlich von Colmar. Die wurde 1698-1704 von Festungsbaumeister Sébastien Le Prestre de Vauban gebaut, wurde aber ziemlich schnell nutzlos, da sich die Waffenindustrie rasant weiterentwickelte. Zwar sieht das UNESCO Weltkulturerbe von oben oder auch auf Google Maps sehr interessant aus, aber die Stadt* intra muros ist todlangweilig. Zumindest war sie das. Zwei völlig von der Streetart infizierte Leutchen haben eine goldene Idee verwirklicht und 2018 in einem kleinen Teil der Festung ein Streetart-Museum namens MAUSA** installiert. Die Künstler reisen dafür aus Rio, New York oder Berlin an, um eine der Kammern zu gestalten, in denen früher Waffen, Lebensmittel oder Uniformen gelagert wurden. Das 1200 Quadratmeter große MAUSA belebt nicht nur die elsässische Provinz, sondern schult auch das Auge. Wer durch Paris oder eine andere Großstadt spaziert, wird früher oder später einen MAUSA-Artist auf den Mauern erkennen. Yeah!

(In Der Sonntag/ Badische Zeitung ist dazu ein Artikel von mir erschienen.)

MAUSA | Place de la Porte de Belfort | Neuf-Brisach | Di-So, 1-19 Uhr, Eintritt 10 Euro, ermäßigt 8 Euro | mausa.fr.

*auch ein Grund zu hinfahren sind die Märkte freitags und samstags im Zentrum von Neuf-Brisach

**Musée Arts Urbains et du Street Art

 

Sehr witzig. Backstein „Vaubanksy“ aus dem MAUSA-Museumsshop

Die geheimnisvolle Frankenbourg

Gut gebaut: Mauerreste der Frankenbourg im Zentralelsass, Fotos: Pascal Cames

Wohin geht diese Tür? Rund um die Frankenbourg gibt es viele geheimnisvolle Orte, so die Feenbrücke auf dem Chalmont (dt. Schallberg), dort ist auch ein Schatz vergraben oder die Schalsmatt bei Neubois (Gereuth), wo es 1872 zu einer Marienerscheinung kam. Ein Weg zur Burg heißt „Himmelsleiter“. Das „Krüther Schloss“ gehört wohl zu den ältesten befestigten Orten im Elsass, angeblich stand auf dem Felsvorsprung schon zu Zeiten Chlodwigs eine Burg. Reste der Heidenmauer (frz. mur païen) lassen darauf schließen. Wie kommt man hin? Der schönste Weg ist zu Fuß, eine Wanderung wird demnächst in Der Sonntag vorgestellt. (Diese Wanderung ist nicht in meinem Buch „Wanderkino Elsass“ zu finden.)

http://www.der-sonntag.de

Mittagessen (noch besser) wie daheim

Das ergibt ein paar Portionen für das Tagesessen ... (Pot-au-feu von Emmanuel Waltisperger), Foto: Pascal Cames

Das ergibt ein paar Portionen Tagesessen … (Pot-au-feu von Emmanuel Waltisperger), Foto: Pascal Cames

Das Mittagessen ist wichtig!

Aus Anlass desNational Make Lunch Count Day(dt. Mittagessen-ist-wichtig-Tag) eine wehmütige Erinnerung und eine Verbeugung für einen Ort, wo es fast „wie daheim“ ist. An diesem Ort treffen wir uns, auch wenn es sehr weit draußen ist in der elsässischen Prärie. Der heiße Teller wird zum Lagerfeuer, an dem wir unsere Erinnerungen austauschen. (Und logisch, alle essen das Gleiche, da haben wir schon ein Thema …)

Mittagessen? Das ist schwierig heute, die Eltern sind beide arbeiten, die Kinder sitzen in der Mensa oder kaufen sich bestenfalls einen Döner und im schlimmsten Fall eine Tüte Chips und eine 1,5 Liter Flasche Cola. Waren das Zeiten als sich alle mittags daheim (was für ein Wort!) am Tisch trafen und montags die Restle vom Sonntag verspeisten, dienstags eine Nudel-Suppe auslöffelten und freitags Fisch oder Pfannkuchen mampften. Vorbei, vorbei, Junimond.

Heute sitzt man mit Kollegen zu Tisch und das kann ganz gut sein oder auch ganz schlecht, weil das Tagesessen so grottig ist. (Und ja, ich weiß, wovon ich rede!) Reden wir nicht darüber, sprechen wir von den Adressen wo es gut ist. In Hirtzfelden (Haut-Rhin) zum Beispiel, wo der Chef vom Côte Cuisine („das Restaurant um die Ecke“) mittags Vit’Time, als schnell und „wie d’heim“ kocht und jeden Tag alle 50 Plätze belegt sind und logisch, alle 50 Tagesessen gehen weg, wie geschnitten Brot.

Der Chef von Küche und Restaurant, Emmanuel Waltisperger, macht eine lustige Beobachtung. Die Gäste, die zum ersten Mal mittags bei ihm sind, bestellen sich nicht das Menu du jour und kiebitzen aber beim essen immer auf die Nachbartische mit dem Tagesessen. „Ist ja gar nicht schlecht“, scheinen die Leute zu denken. Beim zweiten Besuch bestellen sie dann auch das Tagesessen und dann immer wieder. Wie daheim, wo auch alle das gleiche essen …

Menu du Jour / Tagesessen, 14,50 Euro

Côte Cuisine | 1, Rue de Schmollgasse (von Fessenheim kommend direkt an der Hauptstraße) | Hirtzfelden | Tel. 0033389748196 | www.cote-cuisine-restaurant.com

Auch wichtig: die richtige Dosis Salz

Auch wichtig: die richtige Dosis Salz