Kein Wort zu viel

Manche Geschmäcker sind exklusiv weiß Kim Thúy. Wer hat schon eine Ahnung davon, wie man Hühnerknorpel zubereitet? Kim Thúys Roman „Der Geschmack der Sehnsucht“ handelt von Vietnam und seiner unseligen Geschichte, der Kultur und der Küche, obwohl der Großteil des Buchs in Kanada spielt. Die aus Vietnam stammende Autorin erzählt von Flucht, Familie und Freundschaft, stiller, unvollendeter Liebe und schönen Momenten. Sie berichtet, wie ihr Kochbuch in Paris ein großer Erfolg wird. An dieser besonderen, ja fast schon euphorischen Stimmung teilzuhaben, macht großen Spaß. Aber auch die Traurigkeit des Romans wird zum zartbitteren Lesegenuss, so wie man das von Filmen kennt die einen zum heulen bringen und man doch nicht die Augen davon lassen kann. In ihrem zweiten Buch setzt Kim Thúy in Sachen Reduktion eine Marke. Hier ist kein Wort zu viel und die Autorin leistet sich den Luxus, nicht einmal jede der 143 Seiten zu füllen. Wo kein Wort überflüssig ist, hat jedes doppelt Gewicht und es lohnt sich sorgsam zu lesen und dann den Appetit – oder auch Heißhunger – auf „die Hauptspeisensuppe aus gedünstetem Fisch und Fadennudeln, angereichert mit Schweinefleisch und in Garnelenrogen karamellisierten Garnelen“ zu zügeln. Den mit vielen schönen kulinarischen Bildern angereicherten Roman hätte man noch um einen Rezeptteil erweitern sollen, dann wäre er perfekt. Vielleicht nach Vietnam reisen?

Kim Thúy | „Der Geschmack der Sehnsucht“ | Kunstmann | 16,95 Euro